PRO DUZEN: Stressfaktor Sie

Envious man looking at a manager„Herr Meier, kannst du morgen früher kommen?“. Merkwürdige Anreden wie diese können entstehen, wenn man im Unternehmen auf dem „Sie“ besteht, obwohl man seit Jahren zusammenarbeitet und sich auch privat gut versteht – oder weil man sich ironisch über diese Steifheit hinwegsetzen möchte. Aber wie soll man sich denn nun knigge-fein im Berufsalltag begegnen?

Duzen und Siezen und erst recht ein Gemisch aus beidem kann im Büroalltag manchmal kompliziert werden. Allgemein gültige Benimmregeln gibt es nicht mehr. Wer weiß etwa, dass nicht nur der Ältere dem Jüngeren, sondern korrekterweise auch die Dame dem Herrn das Du anbietet? Aber was, wenn diese Dame deutlich jünger als der Herr? Und was tun, wenn der Chef bei der Betriebsfeier das Du angeboten hat, man sich aber am nächsten Tag nicht sicher ist, ob das tatsächlich ernst gemeint war? Oder noch schlimmer: Wenn man es ausschlagen möchte – wie sagt man das dann?! Die richtige Ansprache erfordert Fingerspitzengefühl, das nicht jeder besitzt. Ein kollektives „Du“ in der Firma macht es allen einfacher, fettnäpfchenfrei durch den Büroalltag zu kommen.

Würdest Du mich bitte siezen?
Siezen kann heute knöchern und verstaubt wirken, zumal in vielen international agierenden Firmen Englisch, eine Sprache, in der zwischen Du und Sie nicht unterschieden wird, die offizielle Unternehmenssprache ist. Mag sein, dass sich auch deshalb das Hamburger Sie – Ansprache mit Vorname und „Sie“ – in vielen Firmen eingebürgert hat. Ohne eine Regelung der Ansprache im Unternehmen, wie beispielsweise die Einigung auf ein kollektives Du, entsteht möglicherweise Verwirrung. Besonders für neue Kollegen ist es schwierig, zu erkennen, wer von wem gesiezt werden muss und vor allem, ob sie selbst sich duzen lassen sollten. Auch kann das Siezen als Machtdemonstration missbraucht werden: der Chef, der sich vom Azubi mit „Herr Doktor Meier“ ansprechen lässt, diesen aber duzt, will damit das Machtgefälle möglicherweise noch deutlicher machen. Oder aber es entsteht eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ im Betrieb: der innere, vertraute Kreis duzt sich, und die Gesiezten gewinnen den Eindruck, benachteiligt zu werden. Das kollektive Du fördert Kollegialität und Vertrautheit. So können auch neue Kollegen schnell ins Unternehmen integriert werden; Fragen an Vorgesetzte werden vielleicht mit ein bisschen mehr Lockerheit gestellt; und die Arbeitsergebnisse können in einer entspannten Atmosphäre unter Umständen besser ausfallen. Tatsache ist: das kollektive Duzen ist deutlich unkomplizierter und moderner, als mit allen Kollegen einzeln auszuhandeln, wie man sie anzusprechen hat. Und dass das Du Einfallstor für Respektlosigkeit sei, ist kaum haltbar: respektloser Umgang hängt weniger von der Form der Ansprache ab als von persönlicher Einstellung und Erziehung. Nervigen Ränkespielen kann ein Unternehmen jedenfalls mit der Einführung der grundsätzlichen Du-Ansprache einen Riegel vorschieben. Corinna Lemmler

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s