Twitter-Spin-off „Periscope“ – zukunftsträchtig oder überschätzt?

largeiconPeriscope heißt das jüngste innovative Tool von Twitter. Wird die Videostreaming-App das nächste Massenmedium oder ist es nur ein kurzer Hype?

Videostreaming-Dienste wie Periscope und Meerkat wurden im Frühjahr bereits als „der kürzeste Hype aller Zeiten“ zu Grabe getragen. Doch dann kam der Abbruch des Germany’s Next Topmodel-Finales am 15. Mai: Als nach der Bombendrohung die offizielle Übertragung abgebrochen wurde, berichtete ein BILD-Reporter mithilfe von Periscope live über die Evakuierung der Halle in Mannheim. Es war hierzulande der erste Einsatz von Periscope vor einem größeren Publikum: Immerhin 3.000 deutsche Zuschauer erreichte BILD-Reporter Cremer an diesem Abend, nachdem er sein Experiment über Twitter angekündigt hatte. Aber belegt dieser Vorfall schon, dass Livestreaming „the next big thing“ in der Medienlandschaft ist?

Was ist Periscope und was kann es?
Periscope erfreut sich in Deutschland bisher nur spärlicher Bekanntheit, deshalb soll die Anwendung hier noch einmal vorgestellt werden.

Periscope ist eine App zur Echtzeitübertragung von Videostreams. Im März dieses Jahres kaufte Twitter den Dienst, sodass sich der Nutzer mit seinem Twitter-Konto anmelden und ausgewählten Personen folgen kann. Er erhält Benachrichtigungen, wenn eine dieser Personen live „auf Sendung“ geht. Videostreams kann der Nutzer „liken“, indem er auf den Bildschirm tippt, oder auch Kommentare senden, die allen Zuschauern für einige Sekunden angezeigt werden. Je mehr Likes ein Video erhält, desto mehr Nutzern wird es auf der Startseite angezeigt. Auch kann der Nutzer auf einer Weltkarte nach gerade gestreamten Videos suchen und sich diese anschauen. Die Videos sind nur für 24 Stunden nach der Aufnahme verfügbar. Mittlerweile hat sich Periscope gegen seinen Konkurrenten Meerkat durchgesetzt: 10 Millionen Menschen nutzen Periscope weltweit, bisher wurden etwa 10,4 Millionen Videos gepostet.

Periscope – „The next big thing“…
Diverse Videoblogger und andere Medienmacher bezeichnen Periscope als „Revolution“, die das Internet verändern werde. Doch ist dem wirklich so? Zweifellos trifft der Dienst haargenau den Zeitgeist: Schnelle Informationen sind heute gefragt. Insbesondere junge Leute warten kaum noch auf die Tagesschau oder die Zeitung am nächsten Morgen, um sich zu informieren – und schneller als in Echtzeit wie bei Periscope geht es nicht. Dazu kommt der interaktive Charakter der App durch die Kommentarfunktion und die scheinbar direkte Verbindung mittels Videoübertragung: Es entsteht der Eindruck, man nehme selbst am gefilmten Geschehen teil. Auch als Hinter-den-Kulissen-Medium eignet sich die App hervorragend. Die BILD-Zeitung beispielsweise nutzte Periscope Mitte September als Marketinginstrument, um 24 Stunden live aus der BILD-Redaktion zu streamen. Damit wollte sie Kritikern der Zeitung begegnen, indem sie ihre Arbeitsweise öffentlich machte. Es gibt auch Beispiele für erste Gehversuche, die das journalistische Potenzial der App aufzeigen. In Deutschland ist es fast ausschließlich die BILD-Zeitung, die sich an die neue App heranwagt, als Marketing- wie als journalistisches Instrument. So begleitete beispielsweise Paul Ronzheimer für die BILD im August zwei Wochen lang syrische Flüchtlinge auf ihrer Reise nach Deutschland und sendete immer wieder Videosequenzen auf Periscope. Zwischenzeitlich sahen über 30.000 Menschen zu.

…oder nur ein Spielzeug für Medienmacher?
Ob die App aber als Massenmedium taugt, ist fraglich. Es sind nicht nur die niedrigen Nutzerzahlen, angesichts derer man zögert, Periscope Potenzial zum Massenmedium zuzuschreiben. Die Beschaffenheit der App selbst macht deutlich, dass sie eher als Spontan-Medium entwickelt wurde. Die live übertragenen Videos sind mit dem Smartphone, also in minderer Qualität, aufgenommen und somit keine professionell hergestellten journalistischen Produkte. Auch dienen sie eher zu Momentaufnahmen als zur umfassenden informativen Berichterstattung, unter anderem, weil sie nicht gespeichert werden, wie etwa auf der Videoplattform YouTube. In Deutschland könnten darüber hinaus Probleme mit dem Urheberrecht auftreten: wer ein Großereignis, beispielsweise ein Fußballspiel, ohne Lizenz live überträgt, kann sich strafbar machen. Dass die Streams nur für 24 Stunden verfügbar sind, spielt hierbei keine Rolle.

Periscope kann ein nützliches Instrument sein, um von Großereignissen wie Demonstrationen kurze Sequenzen öffentlich zu machen und ein Stimmungsbild zu senden. Auch als Hinter-den-Kulissen-Medium ist es geeignet, so wie die BILD es genutzt hat und wie es einige Anchormen in den USA machen. Es bleibt aber zumindest bisher eine Ergänzung und kein Ersatz für traditionelle journalistische Medien. Bisher wird Periscope von Redaktionen eher zur Selbstdarstellung denn als innovatives Medium der Live-Berichterstattung genutzt. „Periscoportagen“ wie die oben genannte sind noch Einzelfälle. Der deutsche Medienmarkt tut sich mit solchen Innovationen nach wie vor schwer, und es bleibt abzuwarten, ob weitere Medienhäuser dem Beispiel der BILD folgen werden, oder ob Periscope ein kurzer Hype bleibt. Corinna Lemmler

3 Antworten zu “Twitter-Spin-off „Periscope“ – zukunftsträchtig oder überschätzt?

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  2. Ich denke, dass dieses Tool noch seinen Durchbruch bekommen wird. Die FH Lübeck benutzt es schon recht häufig und versucht es immer weiter auszubauen.

    Vielleicht kommt der Durchbruch wie oben beschrieben durch die Medienhäuser und durch den Bildungssektor.

    Es bleibt spannend.🙂
    Felix

  3. Ich denke, dass dieses Tool noch seinen Durchbruch bekommen wird. Die FH Lübeck benutzt es schon recht häufig und versucht es immer weiter auszubauen.

    Vielleicht kommt der Durchbruch wie oben beschrieben durch die Medienhäuser und durch den Bildungssektor.

    Es bleibt spannend.🙂
    Felix

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