Wider dem Duzen im Büro: Alle sind „verduzt“

Bussi, Bussi, na Du...! Das ständige Duzen kann Konflikte überdecken...

Bussi, Bussi, na Du…! Das ständige Duzen kann Konflikte überdecken…

Allgemeines Duzen mit jedermann hat sich in den meisten Büroetagen durchgesetzt. Nicht nur in hippen Start-ups gilt längst: Du bist ein Kollege, dann duze ich Dich! Selbst wenn wir uns noch nie zuvor gesehen haben. Auch wenn Du mein Vorgesetzter bist. Ob am Telefon, in der E-Mail oder auf dem Gang: Du! Du! Du!  Was auf den ersten Blick unverfänglich und lässig wirkt, kann Probleme verursachen. In bestimmten Situationen wünscht man sich, man wäre bloß beim „Sie“ geblieben…

IKEA, H&M oder Apple machen es in ihrer Werbung vor: In erfolgreichen  Unternehmen, die modern und locker sind, da wird geduzt, nicht nur untereinander, sondern auch der Kunde. Die „Wir sind doch alle Kumpels“-Atmosphäre soll Hemmschwellen senken. Wer Grenzen zwischen oben und unten einreißen will, duzt seine Kunden ohne Wenn und Aber. „Hurra, deine Bestellung ist da!“, sagen „die Jungs von My muesli“, denn so unterschreiben sie ihre Mails, und bei IKEA ist es nicht nur der Katalog, der geradeheraus fragt: „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“: IKEA-Mitarbeiter, vom Logistiker bis zur Chefetage, müssen eine Klausel unterschreiben, in der sie sich verpflichten, nicht nur Kunden, sondern auch sämtliche Kollegen zu duzen. Aber als Kunde zuckt man angesichts dieser Verduzung zusammen und fragt sich, warum man den Kindern in der Grundschule einbläut, dass die Frau Lehrerin jetzt gesiezt werden muss, wenn das dann später vom Feel-Good-Management dieser coolen Startup-Szene wieder über Bord geworfen wird. Aber das kann – gerade im Job – richtig unangenehm werden! Wo kein Krawattenzwang herrscht, herrscht stattdessen meist der Du-Zwang. Auch und gerade in PR-Agenturen und unter Journalisten ist das kumpelhafte Duzen, das Hierarchien und Verantwortungsebenen transzendiert, gang und gäbe. Natürlich schafft das eine familiäre Vertrauens-Atmosphäre. Die Kommunikation wird direkter, schneller, ehrlicher…? Aber ist das wirklich immer nur vorteilhaft?!

„Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein A…“
Die Binsenweisheit, dass „Markus, du Idiot“ leichter über die Lippen geht als „Herr Doktor Klöbner, Sie Idiot“, hat eben doch einen wahren Kern. Kritik geht in der Du-Form schnell nahe, sie wird eher als persönliche Kritik wahrgenommen. Gerade im Berufsumfeld, in dem professionelles Verhalten immens wichtig ist, kann das „Sie“ Respekt ausdrücken und Distanz – ja, Distanz kann auch etwas Gutes sein – schaffen. Besonders für Branchen, in denen viel Kontakt mit Kunden besteht, wie beispielsweise in PR und Kommunikation, sollte auch intern praktiziert werden, was nach außen gilt: den Kunden soll respektvoll begegnet werden – genauso wie den Kollegen. Selbst wenn Sie „nur“ Praktikanten sind! Auch kostet es manch jüngeren Kollegen einige Überwindung, den Chef, der seit Jahren die Firma leitet, beim Vornamen anzusprechen. Wir sind eben nicht alle „eine große Familie“, wie IKEA seine Unternehmensphilosophie des Duzens begründet. Sondern einer hat den Hut auf und die anderen sollen Verantwortung an ihn abgeben können.

Das waren noch Zeiten, als man der Kollegin oder dem Kollegen noch das Du anbieten konnte! Dieser Schritt war ein echter Beweis für Intimität und Vertrauen – und es gab jedem die Möglichkeit, das Du abzulehnen und so selbst zu entscheiden, wie er angesprochen werden möchte. Eine Möglichkeit, die es im Englischen nicht (mehr) gibt. Schade, dass diese Option in den meisten Unternehmen ungefragt der neuen Lässigkeit geopfert wird. Es mag sein, dass das Geduze ein Symptom ist für weitere Veränderungen in der Arbeitswelt. Eine große Berliner Unternehmensberatung und Blinkist, ein Berliner Startup, setzen auf ein Managementkonzept, das sich in den USA einiger Beliebtheit erfreut: es nennt sich Holacracy. Holacracy setzt auf flache Hierarchien, Transparenz und offene Kommunikation. Alle Titel und Tätigkeitsbezeichnungen werden durch flexible Rollenzuschreibungen ersetzt, niemand ist niemandes Chef – und niemand muss gesiezt werden. Die Skeptiker sind ebenso laut wie die Enthusiasten, und die Unternehmen, in denen Holacracy funktioniert, lassen sich an einer Hand abzählen. Dennoch gibt es einen Sinneswandel in der Businesswelt, und das Du ist nur der Anfang.as tun, wenn das als selbstverständlich angenommene Du im Betrieb weniger gut ankommt als gedacht? Zunächst gilt: Kommunikation ist alles. Es kann helfen, mit allen Mitarbeitern gemeinsam Regeln zu etablieren. Oder jeder neue Mitarbeiter wird beim Eintritt in den Betrieb rundheraus gefragt, wie er oder sie angesprochen werden möchte. Ein vielleicht eleganter Mittelweg mit einer Tendenz zur Affektiertheit ist das sogenannte „Hamburger Sie“, bei dem das Sie mit dem Vornamen kombiniert wird. Mit der Ansprache „Markus, könnten Sie diese Mail bitte an alle weiterleiten?“ können sich viele arrangieren.
Corinna Lemler

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