Mehr Transparenz durch Datenjournalismus? ZDF stellt Lobbyradar vor

GeldübergabeWas haben die Initiative Pro Schornstein, der Backzutatenverband oder die Gesellschaft für Tropenornithologie gemeinsam? Diese und andere Lobbygruppen haben sich im Deutschen Bundestag registrieren lassen. Um diese Verbindungen zwischen Interessenverbänden und Politik transparenter zu machen, hat das heute.de-Team des ZDF anlässlich der re:publica15 in Berlin das Tool Lobbyradar vorgestellt…

Dabei handelt es sich um eine Datenbank, die in Zusammenarbeit mit dem Babelsberger Medieninnovationszentrum MIZ und OpenDataCity entstand, rund um das Spektrum deutscher Politiker und ihren Verbindungen in die große weite Welt des Lobbyismus. Inspirieren ließen sich die Macher dabei von der Seite Cahoots, welche Einblick in die Neutralität von Journalisten gibt. Das komplexe Netzwerk lässt sich durch eine ansprechende Datenvisualisierung in Echtzeit auf dem heimischen PC oder dem Smartphone einsehen. Als Browser-Erweiterung gleicht das Programm Namen oder Organisationen in gelesenen Artikel mit der Datenbank ab und ermöglich mit einem Mausklick transparenten Einblick in die Verstrickungen der Akteure zur Politik, unzähligen NGO’s oder PR-Agenturen.

Wer macht es mit wem und wie oft?
Aber was kann man sich unter dem Begriff Lobbyismus vorstellen? Im Allgemeinen wird damit die Einflussnahme verschiedenster Interessengruppen in diverse Bereiche der Gesellschaft, vor allen Dingen der Politik oder Wirtschaft bezeichnet. Dabei werden beispielsweise bei einem Geschäftsessen Kontakte geknüpft, Anregungen gegeben um Sachverhalte in das richtige Licht zu rücken oder Abstimmungsergebnisse vorzeitig in Erfahrung gebracht. Da es in Deutschland keine gesetzliche Regelung für Lobbyarbeit gibt, gestaltet sich eine konsequente Kontrolle des Netzwerks, welches sich über mehr oder weniger sichtbare Knotenpunkte quer durch das politische Who-is-who schlängelt, als schwierig. Deswegen haben es sich verschiedene Vereinigungen wie zum Beispiel Transparency International, LobbyControl oder netzwerk recherche zur Aufgabe gemacht, mehr Licht in das obskur anmutende Gefilde des Lobbyismus zu bringen. Diese Absicht unterstützt nun auch das ZDF mit seinem Lobbyradar, dabei werden nicht nur die Connections von führenden Politikern nachvollziehbar gemacht, sondern es lässt sich in Ansätzen auch das Schalten und Walten von anderen Institutionen wie PR- oder PA-Agenturen ablesen.

Galaxie der Lobbyarbeit
Zur Fütterung der Datenbank dienen etwa öffentlich zugängliche Internetseiten, wie das Lobbyregister des Bundestags oder die Lobbypedia. Zusätzlich kann jedermann die Verantwortlichen per Email auf bisher nicht erfasste oder fehlerhafte Verknüpfungen aufmerksam machen. Hier vollzieht sich eine Einbeziehung der User in den inhaltlichen Aufbau des Radars und somit ein erster Schritt der Öffentlich-Rechtlichen zur produsage. Um der großen Fülle an Daten Herr zu werden, hat man sich beim Design für einen an ein Sonnensystem erinnernden, interaktiven Strukturbaum entschieden, in dem man rein- und rauszoomen, Akteure anklicken oder nach Politiker und Firmen per Stichwort suchen kann. Das Format, bestens bekannt aus dem sich immer mehr etablierenden Datenjounalismus, eignet sich auf den ersten Blick gut um die komplexen Prozessverästelungen darzustellen. Der data driven journalism ist eine Form der Berichterstattung, die versucht allmögliche Datensätze für jedermann anschaulich aufzubereiten. Um sich die nötige Materialbasis zu verschaffen können Statistikämter angezapft oder Daten aus Nutzerportalen herausgefischt werden. So wurde erst vor kurzem ein Projekt mit dem Namen Airbnb vs. Berlin aus der Taufe gehoben, welches der Konstellation von Mietpreisen in Berlin und privatem Wohnungssharing mit einer Datenaufschlüsselung auf den Grund geht. Nicht nur das ZDF nutzt mittlerweile diese Form des Journalismus, sondern auch andere Medien, wie die Berliner Morgenpost oder Wired machen von den technischen Möglichkeiten im digitalen Zeitalter immer mehr Gebrauch.

Datenjounalismus – nur schön oder auch nützlich?
Das Navigieren in der Datenvisualisierung geht leicht von der Hand und ist im Großen und Ganzen auch schön anzusehen, trotzdem bleibt der Lobbyradar hinter seinen Möglichkeiten. Zwar wurde in den Leitmedien zumeist relativ positiv über das Projekt und seine Gestaltung berichtet, schon nach kurzer Zeit wurden allerdings auch Stimmen der Kritik verlautbar. So lassen sich in der Ansicht einzelne grobe Bereiche wie Rüstung oder Pharma auswählen, aber es fehlen zum Beispiel simple Filter, mit denen sich verschiedene Gruppen oder Verbände einfärben lassen könnten, um so eine besser justierten Überblick über bestimmte Zusammenhänge einzelner Beteiligter zu verschaffen. Tiefer gehende Analysen sind nur mit Mühe möglich, die vorhandene Transparenz ist kaum interpretierbar. Hier könnte auf jeden Fall noch mehr passieren. Trotz dessen kann der Lobbyradar als ein Schritt der Öffentlich Rechtlichen in eine neue Richtung des Journalismus aufgefasst werden, dem hoffentlich noch das ein oder andere Projekt folgen wird… Kevin Meyer

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