Auf Panik folgt Vergessen: Anthony Downs Issue-Attention-Cycle

© Trueffelpix - Fotolia.comWer erinnert sich noch an das Pferdefleisch in der Tiefkühl-Lasagne, das tagelang die Titelseiten beherrschte? Oder an die Verursacher des EHEC-Skandals? Und warum wurde das Akronym NSU nach so kurzer Zeit vom Kürzel NSA aus den Schlagzeilen verdrängt? Öffentliche Aufmerksamkeit, das zeigen diese Beispiele, ist ein wankelmütiges, schwer vorhersehbares Gut: Sie wirft ein Schlaglicht auf ein Thema und springt bei nächster Gelegenheit wieder von ihm ab. Der Politologe Anthony Downs entdeckte in der öffentlichen Diskussion gesellschaftlicher Probleme jedoch Regelmäßigkeiten und formulierte diese in seinem fünfstufigen Modell, dem „Issue-Attention Cycle“. Demzufolge durchlaufen alle Themen fünf zentrale Phasen…

1. Vor-Problem-Phase
Die erste Phase wird von Experten und Interessengruppen eingeleitet. Das Problem existiert, verbleibt aber zunächst in den Fachkreisen und steht noch nicht im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.

2. Entdeckung durch Massenmedien
In einer zweiten Stufe, der Phase der alarmierenden Entdeckungen und des euphorischen Enthusiasmus, entdecken die Massenmedien schließlich das Thema für sich und beschäftigen sich intensiv damit. Forderungen an die Politik werden laut. Das Thema ist nun in aller Munde, die kollektive Suche nach einer Problemlösung beginnt.

3. Lösungsstrategien
In der dritten Phase zeichnet sich eine Lösungsstrategie ab. Allerdings werden zugleich die damit verbundenen, oftmals hohen Kosten bekannt und lassen kontroverse Diskussionen entstehen.

4. Abnehmendes Interesse
Die anschließende Phase vier ist durch das abnehmende öffentliche Interesse gekennzeichnet. Die Öffentlichkeit realisiert, dass eine Lösung nicht einfach und kurzfristig erreichbar ist. Andere Themen treten stattdessen in den Vordergrund, erreichen die zweite Phase des Issue-Attention Cycles und erlangen nun die breite mediale Aufmerksamkeit.

5. Verfall zum Randthema
In der letzten Phase ist das Thema bereits von der Medienagenda verschwunden. Fernab der Öffentlichkeit bleibt die Beschäftigung mit dem Thema jedoch bestehen. Zuvor abgeleitete Maßnahmen werden weiterhin verfolgt.

Downs Paradebeispiel ist das Thema Umweltschutz. Dieses schaffte in den 1960/70er Jahren erstmals Einzug in den breiten öffentlichen Diskurs. Schlagworte wie Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung wurden als gesellschaftlich relevante Probleme wahrgenommen und diskutiert. Angesichts der Komplexität des Sujets und insbesondere des Problems geeignete, einfache und praktikable Lösungen zu finden, war ein Eintreten in die vierte Phase und somit die Abnahme der öffentlichen Aufmerksamkeit unausweichlich. Bevölkerung und Medien zeigten sich entmutigt und demotiviert. Andere gesellschaftliche Probleme verdrängten die Umweltschutz-Debatte von den Titelseiten. Auch wenn das Thema nie komplett von der Medienagenda verschwunden ist – um den Issue-Attention Cycle erneut ins Rollen zu bringen, bedarf es in der Regel wenigstens einen aktuellen Anlassbezug. Je dramatischer, aufregender und vor Nachrichtenfaktoren strotzend dieser ist, desto besser. Wenngleich Downs seinen „Issue-Attention Cycle“ bereits 1972 publizierte, hat das Model bis heute nicht an Aktualität verloren und kann als Erklärung für Themenkarrieren, von Schlagworten wie EHEC, CO2 oder auch NSU dienen.

Anthony Downs. 1972. „Up and down with ecology – the ‚issue-attention cycle'“ in Public Interest 28:38-50.)

 

 

 

Eine Antwort zu “Auf Panik folgt Vergessen: Anthony Downs Issue-Attention-Cycle

  1. Dieses „Modell“ liefert keine Erklärungen, sondern ist nur eine (wie ich finde ziemlich triviale und tautologische) Beschreibung der Zunahme und Abnahme von Aufmerksamkeit für mediale Themen.

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