23 Thesen zur Medienzukunft – Media Convention

14144649504_249fdeb33a_cAnfang Mai fand gemeinsam mit der re:publica der zweitägige Medienkongress „Media Convention“ des Medienboards Berlin-Brandenburg statt. Auch wir waren mit mehreren Vertretern vor Ort und tauschten uns mit Kollegen der Branche über aktuelle Fragen zu Perspektiven und Spielregeln einer globalen Medienwelt aus. Einen besonders interessanten Ansatz von drei jungen Nachwuchsjournalisten möchten wir Ihnen an dieser Stelle resümieren:  die „Breaking News“-Show von Jessica Binsch, Ole Reißmann und Hakan Tanriverdi. Sie luden die versammelte Medienelite dazu ein, gemeinsam von der Zukunft der Medien zu träumen und hatten dafür 23 provokante Thesen mitgebracht…

1. Sehr, sehr geiles Publikum
Mit Verbreitung des Internets steigt auch der Medienkonsum, nie war er so hoch wie derzeit: 71% aller Onliner lesen Nachrichten zum Weltgeschehen, 65% zu lokalen Themen. Doch im Web mangelt es immer noch an etablierten Geschäftsmodellen der Medien. Zwar erkennen die Drei Bestrebungen zur Neuausrichtung, hinterfragen jedoch kritisch, ob diese Veränderungen ausreichen und schnell genug von statten gehen. Das Publikum wartet schließlich nicht, es ist Eile geboten.

2. Wir werden in die Tasche gesteckt
Die Onlineauftritte klassischer Medien sehen gut aus, dass geben sie gern zu. Doch die Schönheit beschränkt sich auf die Desktop-Ansicht der Seiten. Onlineleser sind aber weiter und nutzen vermehrt Handys zum Nachrichtenkonsum. Mobil werden klassische Medien allerdings von branchenexternen Anbietern wie den App-Innovationen Flipboard und Circa „in die Tasche gesteckt“. Dabei hätten solche Angebote doch auch von den Medien selbst kommen können. Da stellt sich die Frage: Muss das sein?

3. Wir brauchen mehr Hacker im Newsroom
Um die neue technikbasierte Welt zu verstehen und für die Leser greifbar zu machen, müssen sich Journalisten mehr mit technischen Aspekten beschäftigen und mit IT-Experten zusammenarbeiten. Datenjournalismus und interaktiver Journalismus sind der richtige Weg um nicht vom Fortschritt abgehängt zu werden. Technische Potenziale müssen stärker genutzt werden als bisher.

4. Journalismus ist heute zur Hälfte Technik
Journalismus muss nicht nur inhaltlich gut sein, sondern Leser auch visuell ansprechen. Dieser ansprechende und zeitgemäße Journalismus bedarf jedoch flexibler und hochaktueller Content-Management-Systeme. Journalismus darf sich nicht von veralteter Software beschränken lassen. Im Web wartet niemand auf Zurückgebliebene oder Abgehängte.

5. Weg mit den Ressorts!
„Eine Nachrichtenseite, die nach Zeitung aussieht, finden zwei Gruppen von Leuten toll: Redakteure und Zeitungsleser.“ Die neue Lesergeneration will aktuelle Informationen und keine aufgeblähte Navigation. Die Drei sind sich sicher, Ressorts haben online ausgedient.

(c) Goldmedia / Philipp Hoffmann

6. Sendung mit der Maus für Erwachsene – dann aber bitte in gut
Das Web bietet enorme Potenziale um Lesern Hintergrundinformationen zu aktuellen Geschehnissen anzubieten. „Explainer“-Artikel sollten viel häufiger als Zusatzangebot bereitgestellt werden.

7. & 8. Wenn wir es nicht machen, machen es andere
Teil 1 – Technik: Große Bilder und durchdachte Funktionen – viel zu oft kommen wirklich gute Nachrichtenseiten von branchenexternen Anbietern. Die Forderung: Das muss sich ändern, wenn Medien konkurrenzfähig bleiben wollen.

Teil 2 – Inhaltlich: Auch inhaltlich müssen Medienunternehmen Mut zur Lücke und Neuem beweisen. Neue Formatideen müssen her.

9. Alle warten auf Buzzfeed
Das Interesse am BuzzFeed-Fake-Account auf Twitter zeigte es, die Medienbranche wartet auf spannende Neuerung und Innovationen. Doch obgleich die Enttäuschung über den Fake groß war, niemand in Deutschland kommt auf die Idee, Experimente wie BuzzFeed selbst zu wagen. Warum?

10. Diese Formel bringt bare Klicks. Alle machen mit. Was dann passierte, konnte keiner wollen
Im Web kämpft jeder Artikel für sich, der Sammelband Zeitung hat ausgedient. Überschriften die nach der Upworthy-Formel (Kontroverse + Twist des Blickwinkels + Cliffhänger = Clicks) gebaut werden schaffen Neugier. Doch ist das der richtige Weg für seriöse Nachrichtenanbieter?

11. Vergesst die Nische!
Es lebe der Mainstream. Die Drei sind überzeugt: Nischenjournalismus heißt Expertenjournalismus, und Expertenjournalismus lohnt nicht. Stattdessen sollen Medien Themen aus der Nische in den Mainstream ziehen, Übersetzer und Kommentator sein.

12. Wir verlassen uns zu sehr auf Facebook
Kann man sich wirklich auf eine Plattform verlassen, dessen Regeln und Algorithmen man nicht kennt? Es wird zur Vorsicht gemahnt.

13. Wir lassen uns nicht genug auf Facebook ein
Gleichermaßen fordern sie: Kümmert Euch um Facebook, denn wenn wir es nicht machen, tun es andere, weniger qualitätsbewusste Anbieter. Keine Chance dem Klickschrott. Anbieter wie Upworthy, haben längst gezeigt, dass auch sozial optimierte Inhalte journalistisch relevant sein können.

14. Wir wollen Mut zur Einfachheit
Traditionsbewusstsein hin oder her, das Web bietet die Potenziale, auch „Zeitungsverweigerer“ anzusprechen. Doch dazu muss altes Formatdenken aufgebrochen werden. Wer braucht denn schon mehrere Absätze in einem Artikel?

15. Leser belohnen harte Arbeit
Die Drei sind sich einig – Ja, zu sorgfältig überlegten Geschichten und langen Lesestücken. Denn, nach Mike Sall (Medium.com), erhöht sich bei doppelter Bearbeitungszeit eines Textes auch die Lesezeit um 89%. Und sie sind vollends überzeugt, das funktioniert auch bei mobil-content.

16. Video nervt, ist aber endgeil
Professioneller Journalismus verschließt sich noch immer zu sehr gegen neuartige, nichtformattreue Videos. Doch die Drei meinen, schaut euch YouTube-Erfolge an, es muss nicht nach TV aussehen. Ihre Parole lautet daher: Lernt von erfolgreichen You-Tubern was User wollen.

17. Fotostrecken sind völlig unterschätzt
Generation-Facebook ist Textscheu und braucht ein neues Nachrichtenformat. Doch was kann helfen? Die Antwort der Drei: Verpackt sie einfach in eine mit Text kombinierte Fotostrecke. Ein Vorbild: BuzzFeed erklärte den Syrien-Konflikt in einer 55-teiligen Fotostrecke. Mit Gifs und Animationen wird das ganze sogar noch besser.

18. Snowfallen ist kein Verb
Die Ende 2012 veröffentlichte Snowfall-Multimedia-Geschichte der New-York-Times begeisterte die Medienwelt. Videos, Grafiken und interaktive Funktionen, alles wurde geboten. Doch bei allen Ruhm, Binsch, Reißmann und Tanriverdi geben zu bedenken: schlechte Geschichten die „gesnowfalled“ werden, bleiben schlechte Geschichten. Denn, neben schönen Multimedia-Elementen bedarf es vor allem noch immer guter journalistischer Leistungen.

19. Scrollen ist das neue Klicken
Die Formate von Facebook und Tumblr machen es vor, hier heißt es scrollen statt klicken. Unter Anbetracht der Nutzung von Smartphones und Tablets scheint das nachvollziehbar, klicken ist hier einfach umständlicher als wischen. Die Werbung muss sich natürlich anpassen und neue Maßeinheiten für deren Erfolgsmessung entwickelt werden.

20. Das Vertrauen in uns wird noch zunehmen
Gerade in unübersichtlichen Lagen vertrauen die Menschen auf etablierte Medien, um sich einen Überblick in der Flut an Informationen zu verschaffen. Diese Verantwortung gebietet den Medien Sorgfalt. Auch Nutzer prüfen und hinterfragen Fakten. Um die Leitfunktion auszubauen, sollten sich Medien mehr anstrengen und transparent mit Fehlern umgehen.

21. Es wird extrem
Ausgehend von der schier unerreichbaren Stellung großer Web-Player wie Amazon, PayPal und Ebay könnten zukünftig auch Konzentrationsprozesse auf die Medienbranche zukommen. Es geht die Angst um, am Ende könnten nur noch wenige Medienmarken übrig bleiben. Der Aufruf der Drei lautet daher: Wagt mehr Online-Experimente, auch wenn ihr dadurch am klassischen Kerngeschäft kratzt.

22. Nie war es spannender als jetzt!
Wer nicht abgehängt werden will, muss Veränderungen annehmen. Bisher erscheint es den Verfassern der Thesen noch so, dass die Medien zu sehr am Alten festhalten und sich dem Neuen zu zaghaft annähern. Das darf nicht sein!

23. Ask Us Anything
Die Mediennutzer von heute wollen mitreden, diskutieren, Fragen stellen und auch beantwortet bekommen. Journalismus muss sich öffnen und den Nutzer einbeziehen.

Auch wenn nicht jede These vollkommen neu ist, mit Ihrer Präsentation gelang es den Dreien einen frischen Wind in die Diskussion um die Zukunft der Medien zu bringen, verdeutlichen sie doch insgesamt, dass die Medienhäuser mehr Mut zu Neuem brauchen, um nicht abhängt zu werden. Ein Umdenken ist nötig und die Zeit drängt mehr denn je. Was passieren kann, wenn die Medienlandschaft zu lange an alten Geschäftsmodellen festhält und sich neuen Technologien verwehrt oder zu zaghaft öffnet, kann bei einem Blick auf die Musikbranche erahnt werden. Trägheit, Blockadehaltungen und Eindämmungsstrategien gegenüber technologischen Herausforderungen stürzten diese in eine essentielle, längst nicht überwundene Restrukturierungskrise, die in Verdrängungstendenzen durch die Angebote branchenexterner Akteure gipfelt. Philipp Hoffmann

Mehr zu den Thesen von Binsch, Reißmann und Tanriverdi finden Sie hier

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s