Rededuell im Bundestag: Merkels großes „Wir“ vs. Steinbrücks „nicht Sie“

20130906_BundestagsrededuellWir haben uns die Abschriften der letzten Reden von Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück vor der Bundestagswahl angeguckt und nach Auffälligkeiten gesucht. Grundlage ist das gesprochene Wort, Einwürfe und protokollarische Anmerkungen blieben unberücksichtigt. Auffällig ist, dass die Regierungschefin sehr viele Sätze mit „wir“ einleitet und damit einerseits Leistungen der schwarz-gelben Koalition benennt („wir haben in Forschung und Bildung investiert“), andererseits für die Gesellschaft an sich zu sprechen beansprucht, wenn sie sagt „wir haben zum ersten Mal seit langem einen breiten gesellschaftlichen Konsens über unsere Energiepolitik“. Da Steinbrück nicht für die Regierung sprechen kann, fehlt ihm die Möglichkeit des gedehnten „wir“. Gleich zu Beginn seiner nur etwa halb so umfangreichen Rede kritisiert er Merkels Sprechweise: „Frau Merkel, die beiden wichtigsten Wörter, die Sie in Ihrer Rede benutzt haben, waren ‚wir werden‘ … Man fragt sich: Wer hat eigentlich in den letzten vier Jahren in der Bundesrepublik Deutschland regiert?“ (Im Gegensatz zu dieser Kritik heißt es auf dem Plakat, das die SPD im Endspurt des Wahlkampfes einsetzt, ebenfalls „Das WIR entscheidet“) Im Folgenden greift Steinbrück die Bundeskanzlerin und die Regierung immer wieder direkt an, spricht 7 Mal ihren Namen aus.

Die auffälligsten Worte der Kanzlerin sind bürokratische Ungetüme wie (sozialversicherungspflichtige) Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse, Finanzmarkttransaktionssteuer oder Pflegebedürftigkeitsbegriff, mit „Schattenbanken“ ist nur ein verhalten origineller Begriff auffällig. 

Das wir entwscheidet_STeinbrück

Anders Steinbrück:  Seine Sprache ist lebendiger und origineller, wenn er etwa kritisiert, dass die Bundeskanzlerin auf 50 Gipfeln teilnahm, aber über allen sei Ruh‘. Oder wenn er behauptet, die Bundesarbeitsministerin laufe mit einem „Pappschild“ umher, auf der Lebensleistungsrente geschrieben stünde. In einer bissig-ironischen Weise geht Steinbrück die Ressorts der Bundesregierung durch wie zuvor die Bundeskanzlerin, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Dabei vergisst er keine Panne und keinen der wichtigsten zurückgetretenen Minister in der Regierungszeit von Angela Merkel zu erwähnen. Weitere assoziative Wendungen von Steinbrück sind etwa Etiketten auf leeren Flaschen, Ernte einfahren, Schere zwischen Arm und Reich, aus dem Lot geraten, reinen Wein einschenken. Weitere wegen ihrer Prägnanz oder Fachlichkeit auffällige Begriffe waren Hütchenspiel, Unterzuckerung, Geisterbahn, Mehrwertsteuerprivileg, Wirklichkeitsverleugnung, Malusregelung, Mietpreisbremse,  Risikoignoranz oder Obstruktionspolitik. Die Verwendung von Sprichwörtern und originellen Wörtern macht die Rede Steinbrücks deutlich dynamischer und interessanter als die oft gleichförmigen, mit geringer sprachlicher Varianz gebildeten Sätze der Kanzlerin.  

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