Printmedien: Keiner zahlt die „Reg-Rate“

Summer sale clouds and woman jumping at beach

Dieses Jahr werden beim Sommerschlussverkauf Printmedien rausgehauen!

Kürzlich entrüstete sich ein Medienforscher darüber, dass der Springer-Verlag die neu eingeführte Bezahlschranke für welt.de als Erfolg bezeichnet, obwohl die Abos erst durch den niedrigen Einstiegspreis von 0,99€ im ersten Monat und kostspielige Prämien-Dreingaben wie ein iPad attraktiv würden; das verzerre doch die Statistik. Dabei übersieht der Kollege, dass auch Printmedien intensiv mit Abo-Vermittlern, Rabatten und hochwertigen Prämien arbeiten: Immer weniger zahlen noch die „Reg-Rate“, die reguläre Rate. Und angesichts fallender Auflagen bei vielen Printtiteln müssen die Verlage immer aggressiver um Leserschaft buhlen. Die Rabattschlacht führt manchmal sogar dazu, dass Geld ausgezahlt bekommt, wer eine Zeitschrift abonniert! Wer z. B. die – gerade von Springer an Funke verkaufte -„Funk Uhr“ über einen Abovertrieb für 57,20€ für ein Jahr bestellt, erhält eine Bargeldprämie in Höhe von 60€ und streicht damit 2,80€ Gewinn ein. Die Programmzeitschrift hat zwischen dem 2. Quartal 2011 und dem 2. Quartal 2013 laut IVW fast 12% an verkaufter Auflage verloren und muss kämpfen. Oder Sie nehmen teil am Brigitte-Deal von Groupon und bestellen ein Jahr Brigitte für 19,90€ statt 78€ – und diese 19,90€ muss sich Gruner & Jahr auch noch mit Groupon teilen! Brigitte hat von 2011 bis heute sogar 14% ihrer Auflage und 16% der Abos verloren. Direkt beim Verlag Wirtschaftswoche kann man eine 190€ Bargeldprämie abstauben, indem man sich von einem Strohmann werben lässt, das Jahresabo kostet dann nur noch 48,80€. Auch hier wird mit allen Mitteln für mehr Leser gekämpft, denn die Auflage sank seit dem 2. Quartal 2011 um 11%.

Rabattschlacht der Printmedien

Diese Preisnachlässe finden Sie absurd? Werden hier journalistische Höchstleistungen von ignoranten Marketing-Crétins verschleudert? Keinewegs, denn dahinter steht das Kalkül, dass dem Leser das Medium gefällt oder er wenigstens versäumt, rechtzeitig zu kündigen, somit auch im nächsten und übernächsten Jahr die Zeitschrift bezieht und dann den vollen Preis bezahlt. Es ist wie beim Vertrieb von Versicherungen, der Gewinnung von Fördermitgliedern oder anderen Abomodellen: Der Vermittler kriegt die Zahlungen im ersten Jahr, und erst danach fließt Geld in die Kassen der Initiatoren. Diese Marketingaktivitäten sind langfristig angelegt und alleine nicht aussagekräftig. 

In der eingangs erwähnte Verfälschungsklage des Kollegen steckt noch ein Denkfehler: Weder bei Online-, noch bei Printmedien kann allein von der Anzahl der verkauften Abonnements auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Mediums geschlossen werden.  (Den publizistischen Erfolg könnte man in Zitationen messen, aber auch das ist leichter gesagt, als operationalisiert.) Dafür müssten neben zugänglichen Daten wie Auflage und Verkaufspreisen auch die kaum zu ermittelnden Anzeigeneinnahmen sowie Produktions-, Werbe- und Verwaltungskosten beziffert werden können. Bisher waren Zeitungen ja auch deshalb so ein attraktives Geschäftsfeld, weil die Verleger auf zwei Seiten Einnahmen generieren konnten: Sie haben den Lesern Informationen verkauft und Unternehmern Werbeplätze. Jetzt wollen die einen nicht für etwas bezahlen, das es scheinbar kostenlos gibt, und die anderen machen lieber im Internet Direktmarketing, als viel Geld für Anzeigen auszugeben, deren Wirkung sie nicht in Echtzeit am Bildschirm verfolgen können. Dieses Dilemma bezeichnet man allgemein als die Printkrise und es gibt praktisch keinen Medienforscher, der darüber nicht schon viele, viele Analysen verfasst hätte.

Nachtrag am 25.09.2013
Neustes Tiefpreis für die Berliner Morgenpost: Selbstkündigendes Monatsabo für Print, Online und digital für 3,90€ (18,90€ abzgl. 15€ Tankgutschein). Erstaunlich daran ist, dass es automatisch endet – werden hier nur Daten gesammelt oder was verspricht sich der Verlag davon?! Hier der Link.

 

Eine Antwort zu “Printmedien: Keiner zahlt die „Reg-Rate“

  1. Gerade wurden wieder die Prämien erhöht! Aktuell gibt es die Neon für 12€, und Schöner Wohnen für 6€/Jahr! http://www.mydealz.de/29317/

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