Abbild und Denkbild: Von den Methoden wissenschaftlicher Bildforschung

Blank advertising billboard on wallBilder sind in unserem Alltag ein stets gegenwärtiges und besonders starkes Kommunikationsmittel. Doch wie können bildliche Darstellungen wissenschaftlich korrekt analysiert werden?

Was ist eigentlich ein Bild? Nach Christian Doelker ist ein Bild „eine zum Zweck der Betrachtung oder Verständigung hergestellte visuelle Konfiguration.“ Gegenstand der visuellen Kommunikationsforschung sind sowohl materielle, physische Bilder als auch immaterielle,  mentale Bilder. Also muss man bei Bilduntersuchungen sowohl die materielle Abbildung analysieren als auch die immaterielle Kontexte und Bedeutungen erschließen. Die Unterscheidung zwischen materiellen und immateriellen Bildern verweist auf die ikonologische Tradition des Dualismus von Bildern. Laut Marion G. Müller besitzen Fotografien beispielsweise neben ihrem materiellen Abbildcharakter auch einen immateriellen Denkbildcharakter. Diese beiden Seiten eines Bildes sind untrennbar miteinander verbunden, denn jedes Abbild löst einen Denkvorgang beim Betrachter aus und somit ein Denkbild. Doch Wahrnehmung und Verständnis von Bildern ist stark abhängig vom gesellschaftlichen und sozialen Kontext. Zentrale zeitliche und räumliche Faktoren sind hierbei nach Thomas Knieper vor allem der Kulturkreis, der Präsentationskontext, das Vorwissen der Rezipienten, die Wahrnehmungssituation, der Umbildcharakter der Abbildung sowie deren historischer Kontext. Diese Faktoren sind daher unbedingt bei einer Bildanalyse zu berücksichtigen. Zur wissenschaftlichen Untersuchung von Bildern gibt es verschiedene methodische Ansätze. Die verschiedenen Wissenschaftsbereiche setzen auf unterschiedliche Analysemethoden – je nachdem, ob sie eine zentrierte Disziplin mit sehr spezifischen Erkenntnisinteressen oder eine vernetzte Forschungsdisziplin mit fachübergreifenden Interessen sind. Grundlegend kann aber zwischen quantitativen und qualitativen Forschungsansätzen unterschieden werden. Das wissenschaftliche Interesse der Kunst- und Kulturwissenschaften an bildlichen Darstellungen resultiert zumeist in qualitativen, sehr tiefgreifenden Analysen von einzelnen Bildern. Hierzu werden unter anderem mehrstufige Verfahren herangezogen, bei denen ikonographische Beschreibungen und Deutungen von Bildinhalten mit weiterführenden ikonologischen Interpretationen der Abbildung kombiniert werden.

Ein weiterer qualitativer Bildanalyseansatz ist die Strukturalistische Bildsemiotik. Hier werden die einzelnen, bedeutungstragenden visuellen Codes von Bildern sowie deren Kopplung hinterfragt. Dabei geht der Wissenschaftler von einer festgelegten Bedeutung aus, die bei Kenntnis des Zeichensystems und der gesellschaftlichen Konventionen automatisch vom Rezipienten verstanden werden. Zwei zentrale Begriffe im Kontext dieses Untersuchungsansatzes sind Denotation und Konnotation. Unter Denotation wird die primäre lexikalische Bedeutung eines Zeichens (z. B. Objekt, Person, Handlung) verstanden. Die Konnotation meint dagegen das sekundäre Verständnis von Zeichen, welches sich auf kulturell bedingten Assoziationen oder symbolische Bedeutungen bestimmter Darstellungsweisen (z. B. Perspektive, Farbe oder Bildkomposition) stützt. (vgl. Stöckel, 2004, S.13f)

Die kommunikationswissenschaftliche Untersuchung von Medienbildern basiert – nicht zuletzt wegen der massenmedialen Vermittlung – meist auf standardisierten quantitativen Ansätzen. Hierbei wird überwiegend unter Anwendung der Methode der Inhaltsanalyse eine größere Anzahl von Bildern mit demselben, möglichst reliablen Kategoriensystem analysiert. Ziel ist es systematisch, objektiv und intersubjektiv nachvollziehbar die inhaltlichen und formalen Merkmale von Bildern zu erfassen. Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung des Faches kommen aber auch in der Kommunikationswissenschaft bei entsprechenden Forschungszielen qualitative Methoden etwa aus Kunst- und Kulturwissenschaft zum Einsatz. Für die Analyse von Medienbildern eignet sich dabei insbesondere die dreistufige Ikonologische KontextanalyseIkonologische Kontextanalyse

Hierbei wird zunächst eine ikonographische Identifikation der formalen und inhaltlichen Bildmerkmale durchgeführt. Im Rahmen der darauffolgenden ikonographische Interpretation wird die Bildbedeutung und Intention des Urhebers analysiert. Abschließend erfolgt die ikonologische Interpretation. In dieser Phase widmet sich der Forscher der tieferen, verdeckten Bedeutung der bildlichen Darstellung. Im kommunikationswissenschaftlichen Zusammenhang werden hierbei vor allem der mediale Kommunikationsprozess (Produktions- und Rezeptionsprozess) und Kovariablen wie Wirkungsintentionen, spezifische Zwänge des Trägermediums sowie der kulturelle und historische Kontext berücksichtigt. (vgl. Knieper, 2005) Philipp Hoffmann

Literatur

  • Bonfadelli, Heinz (2002). Medieninhaltsforschung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Doelker, Christian (1999). Ein Bild ist mehr als ein Bild. Visuelle Kompetenz in der Multimedia-Gesellschaft (2.Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag.
  • Knieper, Thomas (2005). Kommunikationswissenschaftliche Beiträge zu einer interdisziplinären Bildwissenschaft. In Sachs-Hombach, Klaus (Hrsg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung (S.56-70). Köln: Halem Verlag
  • Müller, Marion G. (2003). Grundlagen der visuellen Kommunikation. Theorieansätze und Methoden. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Stöckl, Hartmut (2004). Die Sprache im Bild – Das Bild in der Sprache. Berlin: Walter de Gruyter.

Weiterführende Literatur

  • Früh, Werner (2011). Inhaltsanalyse (7. Auflage). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Sachs-Hombach, Klaus (Hrsg.) (2005). Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Köln: Halem Verlag.
  • Grittman, Elke (2007). Das politische Bild. Fotojournalismus und Pressefotografie in Theorie und Empirie. Köln: Halem.

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  1. Pingback: Analyse nach der ikonologischen Kontextanalyse – Daniela Holzer

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