Bildjournalismus: Was uns der Fotograf sagen will

GaleriebesucherAls in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die ersten Fotos in Tageszeitungen erscheinen, ist das nicht weniger als eine Revolution: Nicht mehr das Wort beherrscht von nun an die Nachrichten; das Bild wird fester Bestandteil der Berichterstattung und macht den Leser fortan zum Augenzeugen. Doch kaum sind die ersten Bild-Zeitungen ausgeliefert, formieren sich bereits zwei Lager: die Befürworter der Pressefotografie, die den Zugewinn an Objektivität gegenüber den Launen des Autors loben, und die Skeptiker, die den Fotos ausschließlich eine sinnlich-emotionale Dimension zugestehen und das Potenzial zur kritischen Reflexion absprechen. Es dauert noch eine Weile – eigentlich fast ein Jahrhundert – bis der Mythos der vermeintlichen Objektivität der Fotografie gebrochen wird…

Noch 1963 behauptet der Kunsttheoretiker Karl Pawek: „Der Künstler erschafft die Wirklichkeit, der Fotograf sieht sie.“ Damit geht die Vorstellung einher, dem Fotografen stünden keine Möglichkeiten der Gestaltung und der künstlerischen Behandlung seines Motives offen. Die Akzeptanz des Fotografen als Künstlers. der mehr machen kann, als nur den Auslöser der Kamera betätigen, sollte sich erst später einstellen. Gibt es also eine Möglichkeit, journalistische Fotos objektiv auf ihren Nachrichtenwert hin zu untersuchen und zu bewerten?

Wie kaum eine andere Disziplin hat die Kunstgeschichte ein facettenreiches Spektrum an Methoden zur Analyse von Bildern entwickelt: Psychoanalyse, Semiotik, Postkolonialismus, Feminismus, Bildwissenschaft, nicht jede Methode ist für jedes Bild fruchtbar, das muss im Einzelfall entschieden werden. Um Bilder gekonnt einordnen und beurteilen zu können, zieht der Fachmann die beiden ältesten und bewährten Methoden der Kunstgeschichte heran. Er beginnt mit der formalistischen Analyse, beschreibt die offen zu Tage liegenden formalen Merkmale wie Farbe, Form, Linien, Bildausschnitt, Komposition usw. und beginnt zu verstehen, wie das Bild „funktioniert“, wie es auf den Betrachter wirkt. Die formalistische Analyse objektiviert die Betrachtung eines Bildes und untermauert auf wissenschaftliche Weise das Urteil über die fotografische Qualität. Weiter führt eine ikonografische Betrachtung: Diese Methode beinhaltet die Bestimmung und Deutung der Motive, das Aufzeigen einer Darstellungstradition und die Stellung eines Motivs im kollektiven visuellen Gedächtnis. Dieser Schritt stellt einen zentralen Punkt der Analyse dar, denn die Sehgewohnheiten spielen eine herausragende Rolle bei der intuitiv vom Betrachter vollzogenen  Bewertung und Einordnung. Wer eine Zeitung nur flüchtig durchblättert, nimmt sich eventuell keine Zeit, den Text zu lesen, aber die Bilder rufen automatisch Assoziationen hervor und erinnern an bereits Gesehenes.

Trotz akribischer Exegese leiten Bilder ihre Betrachter oft genug in die Irre. So auch das Foto des Liebespaares,  das Robert Doisneau 1950 für das amerikanische LIFE-Magazine in Paris fotografierte. Das in der Reportage mit dem Titel „Verliebte in Paris“ veröffentlichte Foto wurde legendär und prägt noch heute das Image der Stadt der Lichter als Mekka für Verliebte: Eine flüchtige Momentaufnahme, ephemerer Augenblick des Glücks vor den Tischen eines Straßencafés, der gut aussehender Bohemien mit offenem Hemd und dunklen Haar hat seinen Arm fest um die Schultern seiner Geliebten gelegt und gibt ihr einen Kuss. Wie viele Leser des Magazins müssen bei diesem Anblick dahin geschmolzen sein und sich nach einem ähnlichen amourösen Abenteuer verzehrt haben!? Was sie nicht wussten: Doisneau bezahlte, wie er erst in den 1980er Jahren verriet, zwei Schauspielstudenten für die Aufnahme. Philipp Max Schneider

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