Eine Nachricht ist, wenn der Mann den Hund beißt!

Beim Durchblättern der Zeitung fragt sich der Leser gelegentlich: Warum hat es ausgerechnet dieser Artikel  ins Blatt geschafft? Umgekehrt denken PR-Treibende oft: Warum wurde meine Pressemitteilung denn von der Redaktion abgelehnt? Der Grund ist der unterschiedliche Nachrichtenwert, den Journalisten einem  Thema beimessen oder eben nicht, und nach dem sie die Meldungen für ihr Medium auswählen.

In der Henri-Nannen-Schule gehört es zum Standardrepertoire, dass nur eine Nachricht ist, wenn der Briefträger den Hund beißt und nicht umgekehrt. Die Kommunikationswissenschaft hat genau erforscht, was ein Ereignis zur Nachricht macht und hat Nachrichtenfaktoren entdeckt, mit denen bestimmt werden kann, wie wichtig ein Ereignis für Journalisten ist. Sie können dem Zeitungsleser die Frage beantworten, warum eine Meldung in den Nachrichten zu lesen ist und geben der PR-Schaffenden eine Orientierung, zu welchem Ereignis eine Pressemitteilung von Journalisten aufgegriffen werden wird und zu welchem Anlass eine Pressemitteilung nicht lohnt. Die Nachrichtenfaktoren helfen in der Pressearbeit aber nicht nur um zu entscheiden, wann eine Pressemitteilung veröffentlicht werden sollte und wann nicht. Sie bestimmen auch, wie die Meldung aufgebaut sein sollte. Es gilt der Grundsatz, „das Wichtigste immer zuerst“ – „das Wichtigste“ orientiert sich dabei an den Nachrichtenfaktoren.

Wenn Sie eine Pressemitteilung schreiben, sollten Sie außerdem darauf achten, möglichst viele der Nachrichtenfaktoren zu bedienen. Einige der Nachrichtenwerte sind empirisch belegt, andere werden in der Kommunikationswissenschaft noch diskutiert und sind erst neu im Kanon der Nachrichtenfaktoren. Es gibt unterschiedliche Theorien, wie sich die Nachrichtenfaktoren zueinander verhalten, so z. B. die Annahme, dass eine Meldung umso wichtiger ist, je mehr Nachrichtenfaktoren sie in sich vereint, oder aber, dass ein fehlender Nachrichtenfaktor durch einen anderen ersetzt werden kann, denn einige Nachrichtenwerte scheinen zu Widersprechen.

Die Nachrichtenfaktoren sind:

  • Frequenz
    Passt Nachricht in Frequenz und Arbeitsrhythmus der Medien? Inhalte, die früh genug geliefert werden, können in der Redaktionskonferenz eingeplant werden. Journalisten haben Deadlines, Arbeitszeiten und Feierabend, je eher sie erreicht werden, desto besser stehen die Chancen, dass eine Meldung veröffentlicht wird.
  • Aufmerksamkeit
    Bevor Ereignis zur Nachricht wird, muss es eine gewisse Schwelle der Aufmerksamkeit überschreiten. Wenn entweder sehr vielen oder aber sehr einflussreichen oder prominenten Personen ein Ereignisse auffällt, dann wird es wahrscheinlich zur Nachricht.
  • Eindeutigkeit
    Ein Ereignis muss eindeutig und klar verständlich kommunizierbar sein, um zur Nachricht zu werden.
  • Bedeutsamkeit/Wichtigkeit
    Umso mehr relevanter eine Meldung ist, umso mehr Personen von dem Ereignis betroffen sind und umso wirkungsvoller seine Konsequenzen sind, umso eher wird es zur Nachricht.
    Aber: dieser Faktor ist abhängig von der Zielgruppe, dem publizierenden Medium und dem Zeitgeist, d.h. der aktuellen Nachrichtenlage.
  • Konsonanz
    Ist ein Ereignis zu erwarten oder erwünscht, wird es eher zur Nachricht.
  • Überraschung
    Unvorhersehbares oder Seltenes hat höheren Nachrichtenwert, als Alltägliches.
  • Kontinuität
    Ist ein Ereignis als Nachricht definiert, wird es das auch bleiben.
  • Variation
    Kann Nachricht Gesamtnachrichtenlagen bereichern? Ein gutes Beispiel wäre das „Sommerloch“: weil in den Sommermonaten weniger wichtige Ereignisse aus Politik und Wirtschaft zu vermelden sind, haben auch alternative Themen einen Platz, die sonst selten in den Nachrichten unterkommen. Nutzen Sie nachrichtenarme Tage, um ihre Pressemitteilung in den Medien zu platzieren.
  • Prominenz
    Je bekannter und einflussreicher die am Ereignis beteiligten Personen sind, desto eher wird es zur Nachricht.
  • Personalisierung
    Betrifft das Ereignis konkrete Personen und hat Folgen für ihre Zukunft oder ihr Handeln? Wenn ja, ist es wahrscheinlicher, dass darüber berichtet wird.
  • Negativismus/ Konflikt
    Schaden, Kriminalität und Gewalt bringt jeden garantiert in die Medien.
  • Unterhaltung/ Sex
    „Soft News“ finden sich inzwischen selbst in der Frankfurter Allgemeinem Zeitung.

Quellen: u.a. nach: Schulz (1976) & Staab (1990) auf Grundlage von Galtung und Ruge (1965): Pürer, H. (2003). Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: Ein Handbuch. Konstanz: UVK, S. 130ff.

2 Antworten zu “Eine Nachricht ist, wenn der Mann den Hund beißt!

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