Blätterwald auf der re:publica 12: Nicht nur Apps und Startups – Social Media als Werkzeug zur Gesundheitsaufklärung

Kai Sostmann, Kinderarzt und Experte für eLearning von der Berliner Charité (Foto: Matthias Galle)

Unter dem Titel re:health standen am zweiten Tag des Internet- und Netzwerkkongresses re:publica nicht Urheberrechte, Startups und digitale Öffentlichkeit auf dem Programm, sondern die Frage, wie sich das Social Web für die Gesundheitsaufklärung nutzen lässt. Kai Sostmann, Kinderarzt und Experte für eLearning von der Berliner Charité, sprach zum Thema „Health 2.0-Werkzeuge als Motor der Verbesserung des Gesundheitsverhaltens für Kinder aus einkommensschwachen Familien“.

Gesundheitsaufklärung setzt zunächst ein Verständnis darüber voraus, was „gesundes Leben“ überhaupt bedeutet. Die WHO formulierte bereits 1998 Gesundheitskompetenzen: die Fähigkeit Gesundheitsinformationen zu sammeln, zu verarbeiten und danach zu handeln. Fehlendes Wissen um gesundes Leben ist jedoch nicht nur ein Problem ärmerer Familien mit Kindern, welchen Kai Sostmann seinen Vortrag widmete. Wer erinnert sich schließlich noch an den Aufbau der Ernährungspyramide? Wer weiß, dass ein Menü aus Hamburger und Cola über 400 kcal enthält und wie lange man Sport treiben müsste, um diese wieder zu verbrauchen? Hippen Großstädtern helfen dabei Apps, die z.B. die Länge der abendlichen Laufstrecke messen. Für eine Joggingrunde braucht man aber arbeitsfreie Zeit, für gesunde Ernährung Geld – alleinerziehenden Müttern ohne ausreichendes Einkommen fehlt jedoch beides. Die Hartz IV Sätze berechnen einem 15-jährigen 2,57 Euro am Tag für Essen und Trinken. Zudem ist in einkommensschwachen Familien, auch mangels Zeit und Geld für Alternativen, häufig zu beobachten, dass zuckerreiches und ungesundes Essen als Mittel zur Bewältigung von Alltagsstress, zur Befriedung von Konflikten und als Erziehungsmittel genutzt wird.

Inzwischen ist der Digital Divide, also die Spaltung der Gesellschaft in Onliner und Offliner getrennt durch sozialen Status, Einkommen und Bildung allerdings weniger eine Zugangs- als vielmehr „nur noch“ eine Informationslücke. Zudem vertrauen Jüngere Gesundheitsinformationen aus dem Web mehr, als Ältere und jene neue Generation wird in Zukunft die Bevölkerungsmehrheit stellen. Facebook, Twitter und Co. wird für politische Organisation, persönlichen Austausch, Marketing und Unterhaltung ohnehin bereits breit genutzt, deshalb kann es auch für die Gesundheitsaufklärung nützlich sein.

Als Kriterien für den wirkungsvollen Einsatz von Social Media zur Gesundheitsaufklärung nannte Sostmann:

  • verblendeter Einsatz (On- und Offlineangebote sollten verknüpft werden, z.B. Social Media Angebot zur Krisenberatung mit direktem Kontakt zu Psychologen, dies verhindert auch eine Isolation von Kontakten in der Offlinerealität)
  • Private Public Partnership (öffentliche Träger haben eine höhere Glaubwürdigkeit als private Initiativen)
  • zielgruppenorientierte und nicht elitär ausgerichtete Gestaltung und Organisation des Angebots (z.B. Angebote an Kinder und Familien so aufbereitet, dass auch Kinder davon angesprochen werden)
  • Ein positives Beispiel ist el paso youth click. Die Seite verbindet Aufklärung über sexuell übertragbarer Krankheiten mit subkulturellen Themen, wie Hip Hop und Street Art.

Im Social Web können nicht nur potentiell Betroffene von Gesundheitsproblemen erreicht und aufgeklärt werden, sie können sich auch untereinander austauschen. Kai Sostmann sieht die Zukunft allerdings nicht in Facebook-Betroffenengruppen, sondern Facebook nur als erste Anlaufstelle, welche dann in Peer-to-Peer Netzwerke mündet. Für die Betroffenen insbesondere chronischer Erkrankungen bietet das die Chance, aus den Erfahrungen anderer zu lernen. Aufgrund der gemeinsamen Erlebnisse haben Berichte anderer Betroffener eine höhere Glaubwürdigkeit, als die Aussagen eines Mediziners. Dass nützt auch dem Arzt: Kai Sostmann freut sich über aufgeklärte und informierte Patienten, welche mit Wissen um ihre Erkrankung auch offener für Therapien sind. Mit elektronischen Krankheitsakten, wie sie auf patienslikeme.com zu finden sind, können sich auch Ärzte auf ihre Patienten vorbereiten.

Allerdings sind Social Media – Seiten zur gesundheitlichen Aufklärung, die von Betroffenen genutzt werden, meist genauso öffentlich einsehbar, wie jede andere Internetseite. Zwar geben Krankenhäuser, wie der Charité-Arzt Sostmann berichtete, nur sehr wenige Informationen über Patienten an Krankenkassen weiter. Den Eintrag über die eigenen Erfahrungen mit Diabetes auf einer Facebookseite für Betroffene findet dagegen sowohl die Krankenkasse, als auch der zukünftige Arbeitgeber und jeder andere, der sich dafür interessieren könnte, aber nicht sollte. Gesundheitsaufklärung via Social Media braucht also nicht nur gute Kampagnen, sondern auch Medienkompetenz, wie etwa das Wissen darüber, dass sich mit Privatssphäreeinstellungen bei Facebook auch viele persönliche Informationen verbergen lassen.

Mehr Infos zur re:publica 12: re-publica.de

Matthias Galle

Eine Antwort zu “Blätterwald auf der re:publica 12: Nicht nur Apps und Startups – Social Media als Werkzeug zur Gesundheitsaufklärung

  1. Pingback: Zusammenfassende Dokumentation re:health Track auf der re:publica 12 | Medizin und Neue Medien

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