Blätterwald auf der re:publica 12: Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland – humorlos und langweilig?

re:publica (Foto: Kathrin Womser)

Was unterscheidet die wissenschaftliche Bloglandschaft in Deutschland von anderen? Das war die Frage, die zu Beginn des Panels mit dem Titel „Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland“ im Rahmen der re:publica 2012 von den Moderatoren aufgeworfen wurde. Zunächst einmal ist die Bloggerszene rund um wissenschaftliche Themen in Deutschland sehr differenziert und spezialisiert. Dabei strahlen wenige der Blogs auch in die Öffentlichkeit aus – sie bleiben ein Nischenprodukt, das meist nur von der Community gelesen wird. Zudem gibt es bislang nur wenige bekannte Wissenschaftler, die ihr Wissen nicht nur in bekannten Journals sondern auch im Internet auf speziellen Blogs veröffentlichen. Und zu guter Letzt: deutsche Wissenschaftsblogs sind, was wenig überrascht, humorlos.

Das es aber auch anders geht, Bloggen die wissenschaftliche Arbeit vorantreiben, vernetzen, Publikationsprozesse unterstützen und vor allem Spaß machen kann, zeigten die deutschen Wissenschaftsblogger Leonhard Dobusch, Mareike König, Thorsten Thiel, Max Steinbeis und Daniela Kallinich. Sie stellten ihre Blogs vor und demonstrierten die Vielfalt der Wissenschaftsblogs in Deutschland.

Fachblog: Leonhard Dobusch – governance across borders

Das Blog behandelt grenzüberschreitender Institutionenbildung aus Deutschland und wird auf Englisch beschrieben. Die Autoren sehen ihr Blog als unabhängig, gehören jedoch zu einer Max-Planck-Forschungsgruppe. Pro Woche erscheint durchschnittlich ein Beitrag, der neben deutschen Themen auf Englisch (z.B. Piratenpartei), exotische Fachbegriffe erklärt (z.B. „Fair Value“), kleine wissenschaftliche Communities anspricht und auch GastbloggerInnen zu Wort kommen lässt. Dobusch rät AnfängerInnen, dass die Frequenz und Länge der Beträge ausbalanciert sein sollte und pro Eintrag je nur eine Idee aufgegriffen werden sollte.

Serviceblog: Thorsten Thiel – Theorieblog – Ein Forum für politische Theorie und Philosophie

Theorieblog ist ein unabhängiger Serviceblog von Nachwuchswissenschaftlern und hat das Ziel die Community rund um die politische Theorie und Philosophie zu vernetzen. Dazu werden Veranstaltungshinweise, CfPs, CfAs und Tagungsberichte veröffentlicht sowie Lesekreise innerhalb der Community (mit Stellungnahme der Autoren) gebildet und die  Zusammenarbeit mit Journals gefördert. Als Tipps nennt Thiel: kleine Formate, häufiges Posten, Facebook als Vernetzungsorgan sowie die Legitimation und Vernetzung des  Blogs über Gastbeiträge.

Feuilletonblog: Max Steinbeis (Journalist) – Verfassungsblog

Das Verfassungsblog steht in einem Forschungsverbund mit „Recht im Kontext“ im Wissenschaftskolleg zu Berlin und will den Expertendiskurs für die Öffentlichkeit öffnen. Dabei geht es um das aktuelle Verfassungsfeuilleton, Veranstaltungshinweise und –berichte, Online-Symposien und allgemeine wissenschaftliche Thesen, die zur Diskussion gebracht werden. Auf den oft beklagten Wissenschaftsjargon verzichtet Max Steinbeis. Er rät Anfängerinnen Mut zu Thesen und zur Kontroverse zu haben und vor allem die Expertise zur Einordnung relevanter Ereignisse mitzubringen.

Institutionsblog: Daniela Kallinich – Blog des Göttinger Institutes für Demokratieforschung

Dieses Forschungsblog wird von den Mitarbeitern des Göttinger Institutes für Demokratieforschung gestaltet und präsentiert Ergebnisse der Forschung und verschiedene Debattenbeiträge. Das Blog dient dabei auch als Mittel zur Binnenkommunikation, soll also Informationen für andere Mitarbeiter und Studierende bieten, aber auch für die gesamte Öffentlichkeit und Medien. Das Blog verfolgt einen eigenen Anspruch auf Verständlichkeit, daher soll jeder Beitrag nur ein bis zwei Gedanken enthalten. Es sind alle Artikel-Genres möglich, auch Radio- und Videocasts, es gibt eine Kommentarfunktion „Leserbrief“, Twitter, Facebook und YouTube werden ebenfalls integriert.

Blogportal: Mareike König – de.hypotheses.org – das deutschsprachige Blogportal für die Geistes- und Sozialwissenschaften

Wissenschaftler scheuen sich oft davor, selbst zu bloggen, weil ihnen die Blogosphäre zu unübersichtlich erscheint. Das Blogportal de.hypothese.org ist ein Teil eines größeren Netzwerkes mit Sitz in Frankreich und soll Abhilfe schaffen. Es versammelt wissenschaftliche Blogs auf einer Seite und sorgt für Sichtbarkeit der Inhalte. Derzeit enthält das kostenlose Portal 22 Blogs, vor allem Dissertationsberichte, themenspezifische Blogs, wissenschaftliche Arbeiten und Masterprojekte. Dabei bleibt die Individualität der Blogs vollkommen erhalten, es sollen allerdings nicht die Personen – also die Wissenschaftler – sondern die Themen im Vordergrund stehen. Mareike König rät allen Neulingen in sozialen Netzwerken für den eigenen Blog zu werben.

Abschließend wurden von den Bloggern gemeinsam mit den Anwesenden noch verschiedene Thesen diskutiert, die gleichzeitig den Stand der Wissenschaftsblogs in Deutschland verdeutlichen:

„Blogs sind eine Einladung zu Interdisziplinarität – dies wird noch zu wenig genutzt.“
„Blogs bieten dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Möglichkeit, sich im Publizieren zu üben und gleichzeitig Sichtbarkeit für seine Forschung zu erlangen.“
„Zentrale Herausforderung für wissenschaftliche Blogger ist es, den Strukturkonservatismus hinsichtlich Reputation und Forschungsfinanzierung zu überwinden.“
„Blogs werden eine eigenständige Nische besetzen: Weder werden sie Wissenschaftsjournalismus ersetzen noch die Journal- und Zitationskultur ablösen.“
„Wissenschaftliche Blogs können auch bei geringer Reichweite und wenigen Kommentaren erfolgreich sein.“

Insbesondere der letzte Punkt fand einige Zustimmung, da beim Bloggen nicht immer die größtmögliche Reichweite im Vordergrund stehen sollte. Vielmehr geht es um den Spaß an der Sache, das Interesse an der Wissenschaft und die Vernetzung der Community. Zudem kann das Veröffentlichen von Beiträgen in Blogs das eigene wissenschaftliche Arbeiten unterstützen, indem man das Publizieren von Inhalten und das damit verbundene Abschließen und „fertig sein“ übt. Wissenschaftliche Blogs können zudem dazu beitragen die Verbreitung und Vertretung unbekannter Fachrichtungen und Themen in der wissenschaftlichen Community voranzutreiben und bieten gleichzeitig eine Alternative zu den bekannten wissenschaftlichen Journals.

Allerdings fehlt bislang im wissenschaftlichen Bereich noch die Anerkennung, dessen, was in sozialen Medien geleistet wird. Abdrucke in Journals werden gerne im Lebenslauf genannt, das Veröffentlichen von Blogbeiträge könnte man lediglich unter Sonstiges anführen. Diese Kultur der Anerkennung sollte sich ändern, um die Wissenschaft gegenüber den sozialen Medien zu öffnen und auch Diskussionen über Forschung und Ergebnisse zuzulassen. Abschließend steht im Panel die Aussage „Anything goes“ im Raum: Für Anfänger wie auch für erfahrene Blogger gilt auszuprobieren, was am besten funktioniert und wie man am besten arbeitet. Allein oder in der Gruppe, regelmäßige oder von Zeit zu Zeit, kleine Beiträge oder ausführliche Abhandlungen. Einfach ausprobieren. Passend zum Motto der re:publica: Act!on.

Mehr Infos zur re:publica 12: re-publica.de

Kathrin Womser

8 Antworten zu “Blätterwald auf der re:publica 12: Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland – humorlos und langweilig?

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  3. Danke für den Beitrag. Eine schöne Zusammenstellung. Allerdings habe ich selbst die Erfahrung gemacht: „Wissenschaftler scheuen sich oft davor, selbst zu bloggen, weil ihnen“ … die Zeit dafür fehlt.
    Was im Beitrag nicht angesprochen wurde, sind Blogs als Möglichkeit zur Gestaltung einer anderen, zeitgemäßen wissenschaftlichen Lehre. Ich blogge mit meinen Studierenden aus Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaften seit etwa 2 Jahren zum Thema Sound Studies und Audio-Kultur: http://www.klangschreiber.de Ich habe mit diesem Lehrkonzept, die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Inhalten nach „außen“ zu bringen, bisher gute Erfahrungen gemacht. Allerdings müsste man das noch deutlich intensivieren. Das ist allerdings im Rahmen der knappen Zeitressourcen (s.o.) gar nicht so einfach, was sicherlich auch der (noch) fehlenden Akzeptanz liegt, die im Beitrag angesprochen wurde. Auf jeden Fall denke ich, dass das Bloggen an der Universität sowohl von Wissenschaftlern als auch von Studierenden großes Potential darstellt, denn letzten Endes geht es ja vor allem um eines, nämlich um Kommunikation.

    • Kathrin Womser

      Vielen Dank für den Kommentar und den Hinweis auf den Zeitfaktor, der spielt beim Bloggen natürlich eine große Rolle. Ich bin genau der gleichen Meinung, wenn es um den Einsatz von Blogs in der Lehre geht. Wie schon im Beitrag erwähnt glaube ich auch, dass das Veröffentlichen von Blogbeiträgen zum einen eine sehr gute Übung für das wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren an sich ist und zum anderen auch wichtig, um die Lehre zeitgemäß zu gestalten und auch in der Uni eine Art „neue“ Medienkompetenz zu erlernen. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass die neuen Medien noch nicht in allen Wissenschafts- und Forschungsbereichen angekommen sind. Gerade deswegen finde ich das Projekt klangschreiber super, die Beiträge sind sehr interessant. Ich habe selbst an der Uni Siegen Social Science/Media Studies studiert und hätte mich über ein solches Angebot im Lehrprogramm sehr gefreut. Es ist zu hoffen, dass es bald mehr davon gibt!

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