Presseausweise: Ich-darf-alles-Karte?

Vergangene Woche besuchte ich das Bauhaus in Dessau. Mit dem Studentenausweis gab es 2 Euro Ermäßigung auf den normalen Eintrittspreis. Eine bessere Karte zückte dagegen mein Begleiter: Seinen Presseausweises. Damit musste er gar nichts zahlen! Der Journalistenausweis als “Ich-darf-alles-Karte”, die freien Eintritt zu Museen, Theatern und Konzerten ermöglicht ohne Schlangestehen und mit Zugang zum Backstage-Bereich?!

Der Presseausweis ist der Standesausweis der Journalisten. Die Bezeichnung “Journalist” ist in Deutschland aber nicht geschützt. Deshalb kann sich jeder Journalist nennen – und auch Presseausweise ausstellen. Beim “Deutschen Presse Institut” kann man ihn für 79,90 Euro mit Presseschild für das Auto kaufen. “In Zeiten der sozialen Netzwerke werden viele von uns bei Facebook, StudiVZ oder Twitter zum freien Journalisten und Fotografen”, wirbt das “Institut” für sein Produkt. In einer aktuellen Pressemitteilung fordert der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes Michael Konken deshalb einen einheitlichen und von der Innenministerkonferenz anerkannten Presseausweis.

Besitzern eines Presseausweises stehen einige Privilegien zu, die ihnen ihre journalistische Arbeit und die Recherche erleichten sollen. Dazu gehören freier Zugang zu Informationen aus Behörden oder der Eintritt in von der Polzei gesperrte Gebiete, z. B. während Demonstrationen. Weil jeder Presseaussweise erstellen kann, ist nicht nur die Karte an sich wichtig, sondern auch die Reputation des Verbandes, der sie ausgestellt hat. Die strengsten Kriterien zur Ausgabe des Presseausweises haben:

  • Deutscher Journalisten-Verband (DJV)
  • Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju in ver.di)
  •  Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV),
  •  Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)
  • Freelens
  • Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS).

Ihren Presseausweis bekommen nur hauptberufliche Journalisten, der Ausweis muss außerdem jährlich neu beantragt werden. Wer Mitglied des Deutschen Journalisten Verbandes und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union ist, bekommt ihn kostenlos.

Das gleiche gilt für Mitglieder des Deutsche Fachjournalisten Verbandes (DFJV). Der ist bei der Verteilung des begehrten Kärtchens allerdings weniger streng. Seinen Presseausweis erhalten nicht nur hauptberufliche, sondern auch  “regelmäßig und dauerhaft tätige Journalisten”. Gelegentlich hier im blätterwald-Blog zu schreiben, reicht allerdings noch nicht aus, um sich einen Presseausweis zu verdienen, “Amateur- und Hobbyjournalisten” sind explizit ausgeschlossen.

Neben dem besagten Scheckkärtchen gibt es noch den internationalen Presseausweis. Er erinnert mit seinen 32 Seiten an einen Reisepass und ist in 50 Sprachen übersetzt. Journalisten unter 27 Jahren können beim Verband Jugendpresse Deutschland eine Jugendpresseausweise beantragen – sie müssen dafür nicht hauptberuflich journalistisch arbeiten und zahlen 15 Euro für die Karte. Der Jugendpresseausweis wird vom Deutschen Journalisten-Verband und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union anerkannt.

Allerdings gibt es für die Nutzung des Presseausweises, mit welchem sogar Hotelnächte günstiger werden können, Einschränkungen: er darf nur “im Dienst” genutzt werden, außerdem sollten sich Journalisten durch Vergünstigungen nicht bei ihren Recherchen beeinflussen lassen. Wer dagegen verstößt, muss den Presseausweis wieder abgeben. Einige Unternehmen wie die Deutsche Bahn und Air Berlin geben inzwischen keine Rabatte mehr für Journalisten. Nach der Diskussion um Politikerbestechung des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff seien die Vergünstigungen nicht mehr zeitgemäß. Der Presseausweis ist also doch keine “Ich-darf-alles”-Karte. Einen glaubhaften Pressepass bekommen ohnehin nur profesionelle Journalisten und einen gekauften “Presseausweis” des “Deutschen Presse Instituts” werden die Wenigsten ernst nehmen.

Eine Übersicht zu möglichen Vergünstigungen für Journalisten gibt es auf  http://www.pressekonditionen.de.

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