Digitale Demenz oder zurück in Steinzeit?

Die  Nummern meiner besten Freunde kenne ich nicht auswendig, denn sie sind ins Telefon programmiert. Einen Fahrtweg muss und kann ich mir nicht merken, denn das Navi hat ihn längst berechnet und dirigiert mich sicher ans Ziel. Und bevor ich lange darüber nachdenke, wie noch dieser Schauspieler heißt, dessen Name mir entfallen ist, tippe ich schnell ein paar Schlagworte bei Google ein und schon wird er mir angezeigt. Ich finde das praktisch , aber der Hirnforscher Manfred Spitzer sieht in der  allgegenwärtigen Nutzung des Internets den Untergang des Abendlandes. Seine   These:  Digitale Medien machen dumm. In seinem Buch “Digitale Demenz” greift Spitzer fast jedes gängige Vorurteil über die ausufernde Mediennutzung auf und verifiziert sie unter Rückgriff auf  Studien der Hirnforschung.

Für Manfred Spitzer gibt es an den folgenden Aussagen nichts zu rütteln: Medien machen dick, führen zur Vereinsamung, außerdem zu Schlaflosigkeit, Depression und Abhängigkeit. Denn schließlich funktioniere das menschliche Gehirn genauso wie jeder andere beliebige Muskel: ohne regelmäßigen Gebrauch verkümmert es. Auch die „neuronale Hardware“ würde abgebaut, wenn das Gehirn nicht in Betrieb ist. Wer also “googelt” statt nachzudenken wird automatisch blöd. Digitale Medien, die im Schulunterricht eingesetzt werden, nennt Spitzer “Lernverhinderungsmaschinen”. Spitzer sieht sein Buch als ein Werk auf wissenschaftlicher Grundlage und weist auf die Aktualität der verwendeten Literatur hin. Dennoch hat man den Eindruck, die Studienergebnisse dienen vor allem zur Illustration einer fortschrittsfeindlichen Einstellung. So erläutert der Autor, dass Menschen aufgrund der Nutzung von Navigationsgeräten in Autos verlernen würden, sich zu orientieren. Worin liegt jedoch der Nachteil, sich angeleitet von einem Navigationscomputer durch den Straßenverkehr leiten zu lassen, und nicht mit der Karte auf dem Lenkrad, und nur flüchtigen Blicken für den Verkehr, die eigene und die Sicherheit anderer zu gefährden? Spitzer zeigt sich beeindruckt von der Leistung der Londoner Taxifahrer, die das gesamte Straßennetz der Stadt auch ohne Navi kennen müssen. Den Arbeitsalltag dank technischer Möglichkeiten leichter bewältigen zu können, gesteht er weder ihnen, noch anderen zu.

Gar zum Messias des Schutzes vor der digitalen Welt schwingt sich Spitzer auf, wenn er zu Kindern und Computernutzung schreibt: “Ich habe Kinder und möchte nicht, dass sie mir in zwanzig Jahren vorhalten: ‘Papa, du wusstest das alles – und warum hast du dann nichts getan?'” Er zeichnet ein düsteres Bild der Schule der Zukunft, in denen Kinder nur noch über Laptops lernen. Allerdings schreibt er selbst: “Im Jahre 1913 schrieb Thomas Edison (…): ‘Bücher werden in Schulen bald obsolet sein…Es ist möglich, jeden Zweig des Wissens (…) mit Hilfe von Filmen zu lernen. Unser Schulsystem wird innerhalb von zehn Jahren vollkommen verändert sein.”  – wovon auch hundert Jahre danach wenig zu spüren ist. Spitzer spricht wichtige Probleme im Umgang mit dem Lernen am Computer an, so z. B. dass das Gehirn Informationen wesentlich oberflächlicher bearbeitet, wenn sie nur am Bildschirm angeklickt werden, anstatt sie z. B. mittels ausgeschnittetenen Lernkarten auch physisch wahrzunehmen. Dabei vergisst er aber, dass Kinder den Umgang mit Computern schlichtweg lernen müssen, weil digitale Medien privat, wie beruflich allgegenwertig sind und deshalb Lernen am Bildschirm pädagogisch moderiert werden muss und kann, um die Stärken digitaler Medien mit den Stärken anderer Methoden zu kombinieren.

In “Digitale Demenz” ist viel interessantes darüber zu lesen, wie unser Gehirn arbeitet und wie wir lernen. Zur Debatte um die Nutzung digitaler Medien regt es allerdings nicht an. Spannende Erkenntnisse oder provokative Ideen werden von unreflektierter Polemik überzeichnet: Dem Vorschlag, leseschwachen Jungen über Chatdialoge bei World of Warcraft an Literatur heranzuführen, übersetzt Spitzer in die Frage “Sollen wir also Goethe und Schiller, Shakespear und Hemingway durch virtuelle Kriegsspiele ersetzen (…)?” Das Buch ist keine Auseinandersetzung mit der Frage um den Umgang mit digitalen Medien, sondern eine Bestätigung für diejenigen, die ohnehin zu jedem Anlass, wie schon Sokrates, über die Verkommenheit der Jugend hetzen und neue Entwicklungen verteufeln. Viel zu oft hat man den Eindruck, die Aufzeichnungen eines alternden Mannes zu lesen, der den Entwicklungen der Zeit nicht mehr folgen kann oder will – was an sich nicht verwerflich ist. Deshalb jedoch nicht nur kritisch, sondern einseitig und verbittert gegen neue technische Möglichkeiten zu hetzen ist einfach rückschrittlich. Kathrin Womser/Matthias Galle

Manfred Spitzer: “Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”, Droemer, 2012, 19,99€

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